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Architektur

Bischof Bernward gab den Auftrag zum Bau der Michaeliskirche. Er selbst entwarf ihre Gestalt und Ausstattung in so vollendeter Form, dass St. Michaelis bis heute eine enorme Anziehungskraft besitzt. Schon das äußere Erscheinungsbild der Kirche ist etwas Besonderes: Zwei quadratische Vierungstürme, vier runde Treppentürme, zwei Querhäuser, zwei Chöre mit Apsiden vermitteln perfekte Harmonie. Ihre Gestalt und ihr Standort lassen sie wie eine Burg erscheinen - eine „Gottesburg“ wie St. Michaelis auch genannt wird.

Im Inneren erwartet den Besucher ein überwältigender Raum. Seine Wirkung beruht auf der Einheit von strenger Symmetrie, proportionaler und farblicher Harmonie, strahlender Lichtfülle und kostbarer Ausstattung. Bischof Bernward verlieh mit der Gestaltung seiner Kirche seinem Glauben Ausdruck. Er gab die Schönheit göttlicher Vollkommenheit und Ordnung mit architektonischen Mitteln wieder. Hinter den gestalterischen Details verbirgt sich eine besondere Symbolik, die theologischen Aussagen und mathematischen Regeln folgt. Die Zahl Neun spielt eine besondere Rolle: Nach mittelalterlicher Engellehre gibt es neun Engelchöre, daher ist das Aufgreifen der Zahl passend für eine den Engeln geweihte Kirche. Neben neun Engelskapellen werden die Engelsemporen von neun Säulen getragen. Neun Arkaden trennen das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Der Wechsel von je einem Pfeiler und zwei Säulen, seit Bernward als „niedersächsischer Stützenwechsel“ in der vorromanischen und romanischen Architektur bekannt, scheint die drei Engelordnungen mit ihren je drei Arten widerzuspiegeln. Der Grundriss von St. Michaelis besteht aus neun Quadraten: drei im Mittelschiff, zwei Vierungsquadrate, vier Querhausquadrate. Das Quadrat symbolisiert die Zahl Vier als Zahl des Kreuzes und nimmt Bezug auf den Grund Bernwards, seine Kirche an dieser Stelle zu errichteten: Zur Bischofsweihe schenkte ihm sein Zögling, Kaiser Otto III., Splitter des Heiligen Kreuzes. Als Andachts- und Verehrungsort für diese Kreuzreliquie weihte Bernward 996 auf dem Hügel eine Kapelle, um anschließend an diesem Ort ein Kloster zu gründen und eine Kirche zu bauen. Auch die Ausstattung der Kirche orientiert sich an der Symbolik des Kreuzes: Ein Kreuzaltar bildete das Zentrum der Kirche im Osten, vor der Ostvierung. Den Altar schmückte das Bernwardkreuz (heute im Dom-Museum) mit der Kreuzreliquie. Hinter dem Altar stand die Christussäule, die Bernward nach römischem Vorbild als Triumphsäule gießen ließ. Die Christussäule, die heute zur Ausstattung des Domes gehört, ist während der Domsanierung bis 2014 in der Michaeliskirche beherbergt.

Die Michaeliskirche gilt als ein Musterbeispiel für ottonische oder vorromanische Baukunst. Diese zeichnet sich durch großzügig angelegte Kirchengebäude aus, die in der Tradition frühchristlicher Basiliken (Königshallen) stehen: Der aus mehreren Schiffen bestehende monumentale Innenraum, zusätzliche Fenster im Mittelschiff, im Licht- oder Obergaden, holzgedeckte Mittelschiffe und nur in den Seitenschiffen gewölbte Decken sind weitere Merkmale. Betont werden die großen Wandflächen. Säulen und rechteckige Pfeiler dienen im regelmäßigen Wechsel der Trennung der Schiffe.

Mit der zunehmenden Verehrung Bernwards seit 1150 und seiner Heiligsprechung 1192 pilgerten immer mehr Gläubige an sein Grab. Bauliche Veränderungen in der Kirche sollten dem Rechnung tragen: Die Krypta und der Mönchschor wurden um die gesamte Westvierung erweitert. Die beiden Engelchorschranken, von denen die nördliche noch erhalten ist, entstanden. Im Mittelschiff wurden zehn der zwölf einfach gestalteten bernwardinischen Säulen gegen Säulen mit aufwändig und kunstvoll gestalteten Kapitellen ausgetauscht, um die Kirche noch eindrucksvoller zu gestalten. Die „Seligpreisungen“, acht Frauenfiguren aus Stuck, die sich in den Arkadenzwickeln im südlichen Seitenschiff befanden, sowie die bemalte Holzdecke schmückten den Innenraum des Gotteshauses prachtvoll aus. Die Stuckarbeiten der Michaeliskirche sind das umfangreichste Ensemble dieser Art nördlich der Alpen.

Weitere bauliche Veränderungen erfuhr die Michaeliskirche durch den Einbau gotischer Maßwerkfenster im südlichen Seitenschiff im 15. Jahrhundert. Fehlende Pflege und Sanierung führten 1650 zum Einsturz des östlichen Vierungsturms. Dem folgte der Abbruch des Ostchors und 1662 der des westlichen Vierungsturms und des Südarms des westlichen Querhauses. Anstelle des östlichen Vierungsturms wurde eine „welsche Haube“ errichtet. Aus der Doppelchoranlage wurde eine Kirche mit Eingang im Ostwerk. Das nördliche Seitenschiff musste 1822 abgebrochen werden.

Nach ihrer Zerstörung am Ende des zweiten Weltkrieges (1945) wurde die Michaeliskirche in den 50er Jahren nach dem Vorbild ihres ottonischen Ursprungs rekonstruiert und wieder aufgebaut.